Wahlverwandtschaften

Wahlverwandtschaften*

Kritiken sind manchmal merkwürdig. Das dachte sich auch Ernst Ludwig Leitner, als er vor ungefähr zehn Jahren eine Rezension seines Violinkonzertes in den Händen hielt. Leitners Komposition, befand damals ein Kritiker, sei unzweifelhaft von Leonard Bernsteins Violinkonzert "Serenade" beeinflusst. Dieses Stück allerdings kannte Leitner überhaupt nicht, und auch sonst hatte er sich damals kaum mit Bernstein beschäftigt. Doch die Kritik machte ihn neugierig. Er besorgte sich die Partitur der "Serenade", las Peter Gradenwitz‘ Bernstein-Biographie und entdeckte tatsächlich Affinitäten, die ihm bis dahin selbst nicht bewusst gewesen waren. Inzwischen wurde eine bewusste Wahlverwandtschaft daraus. 1992/93 schrieb Ernst Ludwig Leitner ein "Requiem in memoriam Leonard Bernstein", in dem die Anfangstakte der "Chichester Psalms" und die Töne A (La) und B, Bernsteins Initialen, als Motive der "Anrufung" immer wieder erklingen. Leitner selbst möchte sein Stück "weniger als ein persönliches Bekenntnis zu Bernstein als vielmehr zu seiner musikalischen Haltung" verstanden wissen. Denn genau diese Haltung ist es, die ihn besonders anspricht: "die Offenheit jeglicher Musik gegenüber". Leitners eigener kompositorischer Weg ist in diesem Sinn auch ein Weg der Öffnung. Als gelernter und international erfolgreicher Organist begann Leitner mit strengster Polyphonie. Johann Nepomuk David, dessen Weiser Bach-Chor Leitner später als Dirigent übernahm, war darin sein prägender Lehrer. Dann aber, analysiert Leitner seine eigene Entwicklung, gab es doch einen "gewissen Bruch". "Polyphonie um der Polyphonie willen, auch um den Preis unglaublicher harmonischer Härten, ist etwas, was ich eigentlich nicht mehr mag. Das heißt aber nicht", ergänzt Leitner, "dass Musik nicht stark konstruktiv sein soll oder sein kann. Aber man darf‘s nicht merken!"

Unter der Prämisse der Offenheit lässt sich Leitner auch nicht auf kategorisierende Schlagwörter festlegen. Angesprochen auf die "Neue Einfachheit", meint er, dem könne man gleich auch eine "Neue Komplexität" entgegenhalten. Nein, derlei Festlegungen widersprächen ganz und gar dem Impuls des Schaffenden: "Man versucht Musik zu machen und denkt sich nicht, wenn man anfängt, ich schreib‘ jetzt was neues Einfaches oder was neues Komplexes. Ernst Ludwig Leitner, seit 1978 auch als Hochschulprofessor am Salzburger Mozarteum tätig, hat für sein "Komponistenportrait" im Zyklus Kontrapunkte nicht nur Teile des Bernstein-Requiems ausgewählt, sondern gleich auch zwei neue Werke geschrieben. Von Peter Keuschnigs Wunsch nach einer neuen Kammersymphonie ließ er sich dabei ebenso anregen wie vom unablässigen Novitätenhunger der Kontrabassisten. So präsentiert Josef Pitzek am 10. Februar 1997 ein Kontrabass-Konzert, bei dem Leitner auf originelle Weise mit einem historischen Muster spielt. "Meine Idee war, die Besetzung von Mozarts ‚Gran Partita‘ auf den Kopf zu stellen und dem Kontrabassisten einmal die wichtigste Rolle zuzuweisen." Den Solisten bezog er nach guter alter Komponistensitte in seine Arbeit ein. Denn wie einst Brahms seinem Freund Joseph Joachim "Violinpassagen" schickte, damit dieser ein prüfendes Auge darauf werfe, sandte auch Leitner — in der modernen Variante per Fax — den einen oder anderen Kontrabasslauf an Pitzek zum Gustieren. "Ich finde ganz wichtig, dass ein Instrumentalist mit dem, was er spielen soll, seine Freude hat." Dass auch das Publikum seine Freude daran haben kann, wird man am 10. Februar im Brahms-Saal erleben.

Joachim Reiber

* erschienen in MUSIKFREUNDE – Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 1997